Wie du nach dem Tod deines Partners herausfindest, wie du dein Leben 2.0 gestalten kannst

Leben 2.0: Wie du weißt, was du willst, wenn du erst weißt, was du nicht mehr willst

von Dana Heidrich | Juni 4, 2026

Ich war mein Leben lang eine Küchenassel. Nicht im wörtlichen Sinne, aber fast. Introvertiert, ängstlich, immer im Hintergrund. Menschen? Misstrauisch. Die Welt da draußen? Gefährlich. Neue Dinge ausprobieren? Lieber nicht. Ich hatte Steffen, ich hatte das Catering, ich hatte meine vier Wände. Das reichte.

Und dann starb Steffen. Am 22. Februar 2019.

Und plötzlich passierten zwei Dinge gleichzeitig, die ich nicht erwartet hatte: Der schlimmste Schmerz meines Lebens. Und das Ende meiner Angst.

Nicht weil ich mutig geworden wäre. Sondern weil das Schlimmste bereits passiert war. Wovor sollte ich noch Angst haben?

Die Liste, auf deren Basis ich mein Leben 2.0 gebaut habe

Irgendwann in den Wochen nach Steffens Tod, ich weiß nicht mehr genau wann, die Zeit verschwimmt da zu einem einzigen grauen Klumpen,  habe ich mich auf den Hosenboden gesetzt.

Nicht um zu meditieren. Nicht um zu heilen. Denn davon wusste ich damals noch nichts. Ich tat dies, um ehrlich zu mir zu sein.

In diesen ersten Tagen habe ich eine Liste gemacht. Erst in meinem Kopf während der endlosen Spaziergänge durch den Wald, als ich das Unfassbare fassen lernen wollte. Auf dieser Kopfliste drehten Wortfetzen im Kreis. Ich wusste damals noch nicht, was ich will. Ich war halt noch da, er nicht.

Aber ein paar Dinge wusste ich ganz genau: Dinge, die ich nicht mehr wollte:

Kein Nine-to-Five mehr. Kein Catering mehr, wo ich jeden Tag Zeit gegen Geld verkaufe und am Ende des Tages erschöpft, ausgelaugt, arm wie eine Küchenschabe und ortsgebunden war.

Keine Angst mehr vor Menschen. Keine Ausreden mehr, warum ich nicht reisen kann, nicht schreiben kann, nicht digital arbeiten kann.

Steffen und ich waren selbstständig. Wir waren an Berlin gebunden. Die Welt war groß, aber sie war nicht für uns da, weil immer irgendetwas war, immer Saison, immer Aufträge, immer war da dieses "Später".

Und dann zeigte mir Steffens Tod etwas, das ich vorher nicht sehen konnte: Die Welt ist so groß. Und mein Leben so kurz. Das hatte ich gerade mit eigenen Augen gesehen, wie kurz ein Leben sein kann, wenn da ein toller Mensch einfach mit 40 Jahren stirbt. 50% vom Durchschnitt ... Mitten beim Aufladen kaputtgegangen. Noch so viele Pläne und plötzlich - nichts mehr.

Aus der "was ich nicht mehr will"-Liste entstand langsam, fast ohne dass ich es merkte, eine andere Liste: Was ich will:

Reisen. Schreiben. Digital arbeiten, von überall. Bücher schreiben. Die Welt sehen, bevor ich keine Zeit mehr dafür haben würde.

Sechs Monate später:
Sardinien. Ich Allein. Mit dem Auto

Im September 2019, sechs Monate nach Steffens Tod, saß ich in meinem Auto und fuhr los.

Nach Sardinien. Allein. Einen Monat lang.

Ausgerechnet Sardinien, das war der letzte Ort, wo Steffen und ich im September 2018 noch zusammen gewesen waren. Damals war er mitten in der Chemotherapie, aber er sah besser aus, die Krebszellen waren auf dem Rückzug. Wir hatten uns vom Meer verabschiedet und gesagt: bis nächstes Jahr. Denn dann würde alles besser sein.

Es wurde nicht besser. Aber ich fuhr trotzdem hin.

Die Leute in meinem Umfeld waren schockiert. "Allein? Als Frau? Hast du keine Angst?"

Nein. Hatte ich nicht. Die Angst, die mich mein ganzes Leben begleitet hatte, ein Hoch auf die introvertierte Küchenassel, die sich nicht raustraut, die war einfach weg. Nicht weil endlich das Insektenspray gewirkt hätte, sondern weil das Schlimmste bereits passiert war und alles andere dagegen... klein war.

Jeden Morgen stand ich auf, setzte mich irgendwo hin, entweder im muckeligen Hotelzimmer, oder im Café, oder gar auf einer Terrasse mit Meerblick und schrieb einen Blogbeitrag. Ich teilte ihn mit meinen Lesern und fuhr weiter, um neue Erlebnisse zu erfahren.

Ich wusste noch nicht, wie ich das jemals zu Geld machen sollte. Ich hatte keinen Plan, kein Konzept, keine Strategie. Aber ich wusste: Genau dieses Leben: aufwachen, schreiben, teilen, weiterfahren, das könnte mich glücklich machen.

Rückblickend war das mein erster echter Schritt in Leben 2.0 und ich hatte keine Ahnung wo das hinführen würde, aber wenn ich jetzt darauf zurückblicke - crazy!

Und was hat das jetzt mit dir zu tun?

Du musst nicht nach Sardinien oder allein durch Europa reisen oder einen Monat lang jeden Tag bloggen. Das ist meine persönliche Geschichte und nicht deine Vorlage.

Aber das Prinzip dahinter möchte ich gerne mit dir teilen, denn das darfst du sehr gerne für dich anwenden:

Leben 2.0 beginnt nicht damit, dass du weißt, was du willst. Es beginnt damit, dass du ehrlich bist über das, was du nicht mehr willst.

Nicht mehr funktionieren nur für andere. Nicht mehr so tun als ob. Nicht mehr warten, bis die Trauer "vorbei" ist, bevor du anfängst zu leben.

Setz dich hin. Hol dir ein Blatt Papier. Und schreib auf, was du nicht mehr willst. Sei ehrlich. Sei ruhig auch ein bisschen gemein dabei. Rechne bewusst mit den alten Mustern, den alten Erwartungen, den alten Ängsten ab.

Aus dieser Liste - ich verspreche es dir - wächst irgendwann eine andere. Die mit dem, was du wirklich willst.

Das ist kein Mindset-Trick. Das ist kein Psychologie-Konzept mit einem hochtrabenden Namen dran, sondern einfach die Wahrheit: Manchmal weiß man erst, wo man hinwill, wenn man aufgehört hat, so zu tun als wäre der alte Weg noch zielführend.

Was aus dem Plan wurde

Nach Sardinien stand der Plan fest: Ich würde 2020 nach Indien gehen. Es war alles organisiert: Ort, Unterkunft, Lebensweise. nach meiner Kalkulation sollte ich mit 500 EUR im Monat klarkommen. Da ich ja kein Geld hatte, war das irgendwie machbar. Ich dachte mir so: ich brauche nur ein Zimmer, WLan, Waschmaschine und lecker preiswertes Essen.

Ich wollte weiterschreiben, weiterreisen, weiterwachsen.

Dann kam Corona. Und niemand durfte mehr irgendwohin. 

Und da waren weitere zwei Jahre Stagnation. Berlin. Vier Wände. Wieder. Ich meine, weißt du was du in 2020 und 2021 gemacht hast? Zwei Jahre aus dem Leben gestrichen, aber nicht aus dem Alterungsprozess.

Aber weißt du, was ich in diesen zwei Jahren gelernt habe? Dass das Leben 2.0 nicht an einem Ort stattfindet. Es findet im Kopf statt. In den Entscheidungen, die du jeden Tag triffst. Auch dann, wenn du nicht reisen kannst. Auch dann, wenn die Welt stillsteht. Also habe ich in meinen eigenen Wänden digitaler Nomade gespielt. 

Ich wusste, wo die Reise hingehen sollte. Ich musste nur warten, bis die Welt wieder mitmachte.

2023 zog ich dann nach Zypern. Es wurde endlich Zeit für mich.

Das ist Leben 2.0.

Der Rest ist Geschichte.

Eine Liste der Dinge, die man nach dem Verlust nicht mehr machen möchte

Das könnte dein erster Schritt sein: 

Du brauchst jetzt kein Flugticket und vor allem noch keine großen Pläne.

Was jetzt wirklich hilft, sind ein Blatt Papier und zehn Minuten Ehrlichkeit mit dir.

Schreib auf: Was will ich nicht mehr?

Nicht was du loslassen "solltest". Nicht was deine Therapeutin sagt. Nicht was deine Familie erwartet. Sondern was DU ganz tief in dir drin nicht mehr willst. Und sei bitte delulu. Lass dich nicht von den anderen verrückt machen, was man so alles nicht macht.

Dein Mann ist schließlich auch einfach so gestorben, und das macht man schließlich auch nicht. Und Sterben war definitiv nicht der Plan.

Dieser Zettel ist der Anfang deines Leben 2.0. 

Du weißt noch nicht, was du willst. Aber du weißt, dass so nicht mehr geht.

In der Leben 2.0 Community sitzen Frauen, die genau dort stehen, wo du gerade stehst — und die trotzdem angefangen haben. Nicht weil sie bereit waren. Sondern weil sie es einfach gemacht haben.

Ich will dabei sein →