Allein sterben? Halb so wild.
Klartext über Tod & Leben

Allein sterben? Halb so wild.

Warum die Angst vorm einsamen Ende oft gar nicht unsere eigene ist – und weshalb ein bisschen Vorsorge ein letzter Liebesdienst sein kann.

Von Dana Heidrich · Lesezeit ca. 13 Minuten

Ich weiß, ich begebe mich mit dieser These auf dünnes Eis. Wenn ich an meine Ex-Schwägerin denke, die immer verächtlich über mein Leben im Kreuzberger Hochhaus sprach, war eine ihrer Horrorvorstellungen: "Stell dir mal vor, du stirbst hier ganz allein, ohne Kinder! Und die Katzen fressen dich auf. Und man findet dich erst Wochen später! Was dann die Leute wohl sagen?!"

Und ja, mir ist klar, dass es da diese eine Horrorvorstellung gibt, die offenbar in jedem Menschen schlummert: allein sterben, tagelang nicht gefunden werden, und dann macht sich die Katze über einen her. Oder halt der Hund. Oder der Hamster.

Hat man doch bereits allein durch den Fakt gesamtgesellschaftlich versagt, dass man als Frau alleine mit Katzen oder Hunden lebt. Obendrein hat sich der Mann sich vorzeitig mit dem göttlich-polnischen Abgang verabschiedet hat. Ok, also stellen wir uns mal vor, du bist so geendet wie die böse Frau im Märchen vom kleinen Muck mit viel zu viel Katzen. Diese Angst verrät mehr über unsere Angst vorm Alleinsein als über das Sterben selbst.

Also rede ich mal wieder Klartext über all das rund um den Tod und darüber hinaus. Heute gehts darum, wovor sich viele fürchten und worüber kaum jemand spricht. Und wenn ich alles richtig mache, bist du nach dem Lesen dieses Beitrags ein bisschen leichter.

Sterben ist nur für die Überlebenden furchtbar

Diese Erkenntnis hatte ich kurz nach Steffens Tod. Wir litten alle wie die Schweine, weil dieser großartige Mensch einfach so gegangen war und Steffen saß derweil schon im bunt-lustigen Jenseits und hatte keine Schmerzen mehr, mit denen er noch kurz wenige Stunden zuvor eingeschlafen war.

Ich stelle mal eine gewagte These auf: Wahrscheinlich hast du genau so wie ich bestimmt schon des Öfteren vor dem Himmelstürchen gestanden, ohne es eigentlich zu wissen. Eine Freundin nannte dieses Phänomen "Death Gate" und ich wusste genau, was sie damit meinte: Nur eine falsche Entscheidung, ein falscher Schritt, eine Tablette zu viel, eine Monatsblutung zu blutig und plötzlich fadest du leise und unbemerkt auf deinem Bettchen aus. Bis jetzt hast du "Glück" gehabt. Der Bus ist knapp an dir vorbeigefahren, der Hai hat dich nicht erwischt, du bist wieder ohne Herzinfarkt in der Nacht am Morgen aufgewacht.

Ich glaube mittlerweile sogar, sterben geht leichter, als du denkst. Denn Sterben an sich (wenn du nicht gerade ertrinkst oder anderweitig brutal durch Fremdenergie und unerfreuliches Vorspiel aus der Welt befördert wirst) tut nicht weh. Es ist wie kurz vor der Narkose. Nur mit noch mehr körpereigenen Drogen im Blut.

Und was dann passiert, na das sehen wir dann. Aber gehen wir mal vom Worst Case Scenario aus, dann ist es einfach nur schwarz. Wie bei der Narkose halt. Da kommst du ja auch nicht mitten im schwarz ins Grübeln, ob du je wieder aufwachst.

Also gehe ich mal ganz stark davon aus, dass das Sterben für dich einfach nur der Schritt durch eine weitere Tür des Lebens ist. Und wenn es gut läuft, und wir all den Jenseitsvorstellungen Glauben schenken dürfen, dann wird es ganz toll: Bunt und schön und warm, all unsere Lieben sind schon da und erwarten uns und es gibt keine Schmerzen und kein Leid mehr und es gibt für immer Schokokuchen und Karamell und Broiler.

Es gibt schlimmere Orte, oder?

Währenddessen liegt dein nun lebloser Körper auf dem Küchenboden und fängt irgendwann an seltsam zu riechen. Und die arme Katze, die schon hangry wird, bekommst du auch gar nicht mehr mit. Irgendwann wird der Geruch unerbittlicher, dies senkt jedoch das Risiko, dass sich ein Friedhofsmitarbeiter an dir vergeht (ja, soll es geben).

Und den ganzen Rest tragen die Lebenden: das Vermissen, das Aufräumen, die Beerdigung, die Behördengänge, die Steuererklärung danach (schon dafür lohnt sich manchmal das Sterben, haha). Wenn du schlau bist, hast du alle Kohle verprasst und den liebsten Menschen gesagt, dass sie das Erbe ausschlagen sollen. Exzellent gelöst, jetzt gehört der Horror gehört komplett den anderen. Du bist fein raus.

Das klingt im ersten Moment kalt, ich weiß. Und ja, ich kann euch Nachlassverwalter fluchen hören. Aber hey, ihr bekommt dafür Geld vom Staat. Ihr macht das nicht umsonst und aus Nächstenliebe (ja vielleicht ein bisschen), machen wir uns mal nichts vor. Ihr macht das, weil ihr Ordnung liebt. Und ich finde, jeder sollte für seine Berufung bezahlt werden.

Also Liebes, wenn du das Szenario zu Ende denkst, ist es doch gar nicht schlimm und zutiefst tröstlich.

Die Angst, die wir mit dem eigenen Tod verbinden, ist fast immer geliehene Angst. Also die Angst die uns die anderen erzählt haben und wir mangels Gründen darüber nachzudenken, willfährig nachgeplappert haben. Wussten wir es doch nicht besser. Wir fürchten uns vor dem, was wir bei anderen gesehen haben: das leere Bett, die Wohnung, die ausgeräumt werden muss, der Anruf, der alles verändert. Diesen Schmerz kennen viele von euch nur zu gut, von der anderen Seite. Genau deshalb dürft ihr euch beim eigenen Tod entspannen.

Den schweren Teil habt ihr bereits schon hinter euch, und zwar damals, als ihr zurückgeblieben worden seid.

Wenn Sterben nur für die Überlebenden schwer ist, dann mach ihnen die Zeit danach leicht

Ich ahne es, du knabberst noch daran, was ich gerade gesagt habe. Aber so furchtbar das auch zu scheinen mag, bietet diese Betrachtung auch eine gute Möglichkeit inne: Wenn dein Tod vor allem für die anderen schlimm ist, dann ist das Großzügigste, was du tun kannst, ihnen die Zeit danach so einfach wie möglich zu machen. Vorsorge deathcleaning ist kein morbides Hobby. Sie ist ein letzter Liebesdienst an die Menschen, die dich überleben.

Ein paar Dinge, die deinen Hinterbliebenen später Tränen und Nerven sparen:

Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Damit jemand weiß, was du willst, falls du es selbst nicht mehr sagen kannst. Das nimmt deinen Liebsten die schlimmste aller Lasten, nämlich raten zu müssen, was du gewollt hättest.

Ein Testament, das diesen Namen verdient. Auch wenn du denkst, du hättest nicht viel zu vererben. Klarheit verhindert Streit, und Streit am Grab ist hässlicher als jede Erbschaft wert ist.

Der digitale Nachlass. Passwörter, Online-Konten, dein Handy, deine Cloud, dein E-Mail-Postfach. Überleg mal, wie viel deines Lebens dort liegt und wie hilflos jemand davorsteht, der nicht reinkommt. Eine geordnete Liste an einem sicheren Ort ist Gold wert.

Deine Wünsche zur Bestattung. Erde, Feuer, Baum, Meer, Polterabend mit Discokugel, du entscheidest. Aufgeschrieben erspart es deinen Leuten das Gefühl, im Nebel zu stochern.

Und ja, die Katze. Wer füttert sie, wer nimmt sie? Klär das. Dann frisst sie dich am Ende garantiert nicht, weil längst jemand mit der Dose vor der Tür steht.

Kleiner Hinweis am Rande, ich bin schließlich keine Notarin: Für die rechtsverbindlichen Feinheiten lohnt sich ein Termin bei jemandem, der das beruflich macht. Die herzenswarme Beate Plapper kann dir schon jetzt wunderbar mit der Vorbereitung helfen. Aber den ersten Schritt, das Sortieren im Kopf, den kannst du heute beim Kaffee tun.

Der Tod im Kreise der Liebsten ist meistens ein Märchen

Jetzt zu dem Bild, das uns unzählige Filme eingebrannt haben: Allem voran war es für Antonias Welt: Antonia liegt im Sterbebett, umgeben von all ihren lieben Menschen. Sie kann sich in Würde verabschieden und mit nur einem Wimpernschlag ist sie tot. Oder das Familienkonstrukt: Die sterbende Person, friedlich im Bett, die ganze Familie versammelt, weiche Hände, letzte weise Worte. Verzeihungen für alte Verletzungen. Einfach herzerwärmend schön. Und in den allermeisten Fällen einfach nicht die Realität.

Sehr oft passiert das Sterben genau in dem Moment, in dem die Tochter kurz Kaffee holt, der Mann auf dem Flur telefoniert, die Nachtschwester gerade Schichtwechsel hat. Manche Menschen scheinen sogar zu warten, bis sie allein sind, es scheint so, als bräuchten sie diesen letzten privaten Augenblick für sich. Als wollten sie uns nicht mit der Bürde des Anblicks überfordern.

Der inszenierte Abschied im Kreise aller Lieben ist die Ausnahme. Doch das stille Gehen ist die Regel. Und gerade seitdem ich die Community führe, weiß ich, kein Tod gleicht dem anderen. Er ist so individuell, wie der Mensch selbst: Mitten im Leben ein Herzinfarkt im Bett, auf dem Sofa, auf dem Weg in den Urlaub, Suizid, einige wenige im Krankenhaus, Verkehrsunfälle. Der Tod ist ein kreativer Gesell, es kann jederzeit vorbei sein.

Und doch haben alle Tode etwas gemeinsam und das ist der härteste und doch befreiendste Fakt überhaupt: Jeder Mensch stirbt für sich allein. Selbst mit zwanzig Händen am Bett geht den letzten Schritt niemand mit dir. Allein zu sterben ist also keine Strafe für ein bestimmtes Leben. Es ist schlicht die Grundausstattung des Menschseins, für die Verheiratete genauso wie für die Singles, für die mit voller Bude genauso wie für die mit der einen treuen Katze.

Und jetzt zu denen, die allein weiterleben

Wir Frauen sind ja schon sowieso diejenigen, die niemandem etwas Recht machen können (bitte verabschiede dich schnellstmöglich von dem Gedanken!) Über kaum eine Gruppe von Frauen wird so viel geseufzt wie über die, die alleine leben. Besonders über die, die nach einer großen Liebe nicht noch mal heiraten, sondern die sich nach seinem Tod für sich entscheidet. "Ich bleibe allein in meiner Wohnung und wenn ich doch noch mal etwas mit einem Mann anfange, dann nur noch ambulant statt stationär". Außenstehende zerbrechen sich den Kopf. Natürlich nur die, die kein eigenes spannendes Leben haben: Da wird gern getuschelt, bemitleidet, gewarnt. "Du wirst noch einsam sterben." "Wer kümmert sich mal um dich, wenn du älter wirst?" "Willst du wirklich allein bleiben?" Diesen oder jenen Satz hast du vielleicht schon mal gehört.

Schauen wir uns also mal an, was die Zahlen wirklich sagen, und nicht das, was Tante Gerda glaubt.

Du hast vielleicht mal die Schlagzeile gelesen, alleinstehende, kinderlose Frauen seien die glücklichste und langlebigste Gruppe überhaupt. Diese Zahl geht auf einen einzigen Forscher zurück, und sie beruht auf einem peinlichen Lesefehler in einer Umfrage. Der Mann hat seinen Fehler später selbst eingeräumt, die Zeitung hat eine Korrektur gedruckt. Dem ist also leider nicht so ganz, aber: Die Ehe verlängert vor allem Männerleben.

Eine dänische Studie hat ausgerechnet, dass Männer durchs Heiraten rund acht Jahre Lebenserwartung gewinnen, Frauen dagegen nur etwa fünf. Der männliche Bonus ist also rund sechzig Prozent größer. Eine asiatische Untersuchung fand den lebensverlängernden Effekt der Ehe sogar nur bei Männern und bei Frauen gar nicht, vermutlich weil die Frauen dort den Großteil von Haushalt und Fürsorge schultern und der Gewinn so wieder aufgefressen wird. Verheiratete Männer sterben später als unverheiratete, und gerade nie verheiratete Männer leben oft isoliert und verschenken damit genau die soziale Einbindung, die schützt.

Übersetzt heißt das: Das Alleinsein ist messbar härter für Männer als für Frauen. Wir Frauen kommen solo erstaunlich gut zurecht. Wir haben unsere Freundinnen, unsere Netze, unsere Rituale, unsere Fähigkeit, uns selbst ein schönes Leben zu bauen. Der Mann, der ohne seine Frau einsam verkümmert, ist statistisch das wahrscheinlichere Drama. Die Frau, die allein aufblüht, ist keine Ausnahme, sondern ziemlich normal.

Was ich dir damit nicht sagen will: Bleib um jeden Preis allein, Beziehungen seien Gift. Liebe ist herrlich, und du hast in diesem Leben hoffentlich noch viel davon vor dir, in welcher Form auch immer. Was ich dir sagen will: Falls du allein lebst oder allein bleibst, bist du weder defekt noch bedauernswert noch auf dem Weg in ein trauriges Ende. Du bist in bester, gesunder, langlebiger Gesellschaft mit dir selbst.

Also keine Angst

Du wirst allein sterben. Ich auch. Wir alle. Und das ist vollkommen in Ordnung, weil es der eine Termin ist, den deine Seele gar nicht mehr persönlich wahrnehmen muss. Den Schmerz haben die anderen, und denen machst du es mit ein bisschen Vorsorge so leicht wie möglich, weil du ein guter Mensch bist.

Bis dahin lebst du. Allein oder zu zweit, mit Katze oder ohne, nach einer großen Liebe oder mitten in der nächsten. Die Angst vorm einsamen Ende darfst du getrost abgeben. Sie war nie deine, sie war immer nur die der Zuschauer.

Und die Katze? Die kriegt ihr Futter. Auch danach. Irgendjemand wird sich kümmern.

Der tröstliche Gedanke zum Mitnehmen

Du musst das Ende nicht kontrollieren. Aber du kannst den Menschen, die dich lieben, Klarheit hinterlassen – und bis dahin dein Leben leben.

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