Jerusalem

Tel Aviv

von | 6 Mrz. 2022

Lange habe ich nicht mehr an meinen Entscheidungen so sehr gezweifelt, wie in diesem Moment auf dem Tel Aviver Flughafen im Transfer.

Ich saß in einer Ecke der riesigen Flughafenhalle bei den Check-Ins, hatte meine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und zuppelte nervös an meinem rechten Ärmel herum, denn niemand sollte mein grünes Quarantäne-Bändchen sehen.

Was war passiert?

Eigentlich sollte ich mich in diesem Moment gerade für die nächsten 48 h in einem Quarantänehotel befinden und eigentlich dürfte ich gar nicht hier sitzen. Die Strafe für meine Tat war wohl 5000 Schekel, also umgerechnet 1.400 EUR, für die Missachtung dieser Auflage.

Denn direkt nach der Ankunft in Tel Aviv muss man seinen Koffer holen, durch eine Schleuse gehen, wurde PCR-getestet und sollte sich in Quarantäne begeben. Was ich tat, war hoch-illegal, hatte ich doch schon bei den Einreise-Angaben die Quarantäneadresse gefaked, hatte ich doch bis zum Schluss gehofft, es gäbe einen Transfer, aus dem ich gar nicht nach Israel „einreisen“ müsste.

Mein Anschlussflug sollte in 10 Stunden starten und ich durfte erst zwei Stunden davor mit einem negativen israelischen PCR-Test einchecken und ich wusste, wenn ich das Gebäude verlassen würde, käme ich nie wieder zurück hinein.

Ich befand mich in einer absoluten juristischen Grauzone und das in Tel Aviv. Im Flughafen. Mit dem Nachnamen „Heidrich“.

Als wäre das nicht genug, waren die letzten 48 Stunden bereits direkt aus der Hölle gewesen

Ich war seit zehn Monaten zu einer Hochzeit meiner Verwandtschaft auf die Seychellen eingeladen, entsprechend hatte ich schon zu diesem Zeitpunkt meinen Flug auf die Insel über kiwi.com gebucht. (schon vorab die Warnung: niemals über kiwi.com buchen!!!).

Doch langsam zog sich die Ereigniswelle gleich den Wassermassen eines Tsunami zurück.

Es begann harmlos.

Im Januar bekam ich die schlichte Nachricht: „Ihr Anschlussflug in Tel Aviv wurde gecancelt, er fliegt erst am nächsten Tag um die Uhrzeit“.

In Coronazeiten hat man ja so null Ahnung, was in anderen Ländern dieser Welt vorgeht. Über allem liegt der deutsche Panik-Filter. So dachte ich mir, dass ein dreißigstündiger Aufenthalt in Tel Aviv, wo man laut Auswärtigem Amt und der israelischen Immigrationsbehörde (ihr braucht nicht nachschauen, schon während ihr das liest, ändern sich schon wieder die Auflagen) nicht nach Israel einreisen kann, wenn man nicht gerade eine Einladung hat oder israelischer Staatsbürger ist. Beides war bei mir nicht der Fall.

Schon beim Lösen dieses Problems war kiwi.com vollkommen nutzlos. Keine Stornierung, keine Umbuchung, keine Alternative. Ich fragte also den Callcenter-Dude, ob es auch ok wäre, wenn ich selbst einen Tag später mit Ryanair nach Tel Aviv kommen würde und dann nach nur 11 statt 30 h Aufenthalt ins Air Seychellen Flugzeug steigen würde? Man(n) bejahte und überließ mich von nun an dem Wahnsinn und ich buchte schnell noch einen weiteren Flug von Berlin nach Tel Aviv „ka-ching“.

Ryanair nach Tel Aviv

Es war Dienstagvormittag, Zeit um den Boarding Pass für den Ryanairflug um 6:00 Uhr nach Tel Aviv am morgigen Mittwoch auszufüllen. Neben den üblichen Sprengstoffkreuzen tauchte hier ein weiteres auf, dessen Link mich zu der israelischen Health-Department-Seite führte.

Also füllte ich brav meine tausenden Impfungen und PCR-Test auf und am Ende stand da was von Isolation. Ich benötigte ein Hotel nach der Ankunft. Bullshit, ich bin doch im Flughafen. Diese Option gab es jedoch nicht. So gab ich aber dennoch meinen Anschlussflug 11 h später an und erfand eine wilde Adresse in Israel, wo ich währenddessen sein würde. Der Zufallsgenerator half mir hier, wie man PLZ, Ort und Straßen kombinieren konnte.

Einen Antigen-Test brauchten sie auch noch, also trabte ich mal wieder zum Nase durchwurschteln. Doch jetzt war mir schon richtig schwummrig, Israel wird kein Spaß, wusste schon jetzt mein Unterbewusstsein.

Ach ja, einen PCR-Test würden sie auch noch bei Ankunft in Tel Aviv machen – bezahlen sie hier vorab, ist günstiger. „ka-ching“

klick – weggeschickt und Bordingpass runtergeladen. Teil 1 fertig

Immigration Seychellen

Auch für die Immigration brauchte es einen Antrag und einen negativen PCR-Test, den ich seit Dienstagmorgen hatte.

Während ich so peu-a-peu den Antrag ausfüllte, fragte man mich nach dem Rückflug, welchen ich leider auch über kiwi.com gebucht hatte. Nachdem ich endlich die richtige Buchungsnummer und den richtigen Anbieter herausgefunden hatte

kiwi.com bucht sich in sämtliche Fluggesellschaften ein und bucht Flüge, die wenig gebucht werden und hat dadurch niedrige Preise. Theoretisch coole Idee, jedoch scheiße bei all den mannigfaltigsten Coronaauflagen. Man muss also zum Check-In mit der Buchungsnummer erst den für einen zuständigen Fluganbieter finden.

Ich gebe nun endlich die Buchungsnummer bei Austrian Airlines ein und was steht da bitte:

Ein Teilflug ihres Rückfluges wurde annulliert. Und zwar der von den Seychellen nach Addis Abeba.

Bada-Bumm.

Herz fällt ein zweites Mal in Hose.

Der Rückflug ist annuliert!

Leider kann ich den Flug nicht im Internet umbuchen, stornieren oder annullieren. Wenden sie sich an die Hotline.

30 Minuten später, spreche ich mit einem freundlichen Herrn von Austrian Airlines, der mir rät, nie wieder bei kiwi.com oder ähnlichen Vergleichsportalen zu buchen.

Immer direkt bei der Airline oder im Reisebüro buchen!

Dann sagt er mir, er ist nicht zuständig, da es ein Lufthansaflug ist, gibt mir eine Telefonnummer der Lufthansa und wünscht mir Glück.

Nach einer Stunde komme ich endlich im Callcenter der Lufthansa raus. Fragt bitte nicht nach meinem Nervenkostüm. Ich musste in meiner Firma schon einen Call abbrechen, weil ich heulend zusammengebrochen war.

Die freundliche Dame bei der Lufthansa versuchte zu regeln und bat mich, eine weiter halbe Stunde am Telefon zu bleiben, sie würde sich wieder ins Telefonat hineinschalten.

Wieder warten.

Eine halbe Stunde später sagt sie mir, Ethiopian Airlines ist zuständig. Sie kann mir nicht weiterhelfen oder umbuchen. Wenn es nicht klappt, soll ich mich später wieder bei ihr melden.

Nachdem ich weitere 20 Minuten lang das Band von Ethiopian Airlines angehört habe und willkürlich auf die #2 für englisch gedrückt und ignoriert wurde, lege ich auf.

Ich logge mich nochmal bei der Lufthansa mit meiner Buchungsnummer ein und glücklicherweise hat die Dame das Stornieren ermöglicht. Also klicke ich auf stornieren und sehe noch aus den Augenwinkeln eine Fantasieemailadresse von mir und eine Kreditkartennummer, die ich nicht habe. Ich denke mal, diese Kohle ist auch weg

„ka-ching“

Aber wie jetzt weiter? Langsam ist mir alles egal. Ich bin schon so weit gekommen, also buche ich mir direkt über Lufthansa einen Rückflug zwei Tage eher als geplant für nur 450 EUR „ka-ching“. Wenigstens ist auf diesen neuen Flug jetzt über Lufthansa Verlass.

Ich fülle also den Immigrationsantrag auf die Seychellen aus, habe ich doch nun auch ein Rückreiseticket und atme durch und warte nun auf die Bestätigung, die irgendwann abends gegen 20:00 Uhr kommt.

Mein Nervenkostüm ist komplett am Arsch und ich schlafe nicht. Ich muss eh um 3 am Ostbahnhof sein, damit ich pünktlich am BER bin, weil BER ist ja schon die nächste Sollbruchstelle – lieber zu zeitig da sein, als den Flug verpassen.

Ankunft in Tel Aviv

Glücklicherweise hatte ich im Ryanair Flug mir ein Frühstück geordert: ein trockenes Brötchen mit rätselhaftem Belag, Kaffee (geil!) und Pringles. Hatte ich doch die letzten 30 h vor lauter Adrenalin und Panik nicht wirklich irgendwas gegessen.

Die Pringles steckte wohlweislich ich in meine Handtasche.

 

Bei Ankunft im Flughafen wurde man direkt und ohne Abzweig zum Gepäckband geführt, wo mir mein Koffer direkt vor die Füße purzelte. Geiles Timing.

Mit dem Koffer folgte ich in den einzig möglichen Ausgang, der in der Passkontrolle mündete.

Shit. Ich betrat jetzt das Land.

Gefahr!

 

Ich fragte den netten Herrn in der Pass-Check-Box wie das denn jetzt wäre mit dem Transfer, meinem Koffer und ob ich nicht direkt wieder hinter den Check-In dürfte. Er meinte locker-freundlich: „kein Problem“ und ließ mich durch.

Israelischer PCR-Test

Die disneylandeske Wegführung brachte mich in eine weitere Halle, in welcher es aussah, wie nach dem 2. Weltkrieg. Einzelne Boxen wie im Lazarett mit Tüchern abgespannt, wo der PCR-Test stattfand.

Die unwirsche Dame (4 von 5 Israelis sind scheiße unfreundlich) testet mich und klebt mir ein grünes Band um das rechte Handgelenk. Wie beim Festival, nur halt nicht in geil.

Ich frage sie nach dem Transfer, sie fällt fast vom Stuhl. „Sie müssen jetzt für 48 h in Quarantäne“ und das Testergebnis gäbe es erst in 24 h.

Bumm: Stein aus Herz direkt in Magen.

Ein weiterer unfreundlicher Typ schickt mich ins Erdgeschoss zum Check-In. Der Dude dort weicht mir aus und sagt, Check-In ist erst in 8 h und ignoriert mich.

Was jetzt?

Ich wusste, wenn ich jetzt das Gebäude verlasse, komme ich nie wieder hinein. Ohne den PCR-Test keine Chance.

Ich musste hier drin bleiben.

Zurück in die Check-In-Halle in Tel Aviv

Also suche ich mir ein ruhiges Plätzchen in der Nähe der Toiletten. Hier gibt es auch einen Automaten mit Getränken und Snickers. Sonst nichts. Von meinem Platz aus konnte ich die riesige Check-In-Halle gut überblicken und hoffte, dass mich wiederum nicht viele sahen.

Meine Pringles würde ich mir von nun an stündlich einteilen, Trinkwasser gab es glücklicherweise auf der Toilette im Trinkwasserspender.

Schock

Gegen Mittag erhielt ich endlich eine E-Mail vom Health Department komplett auf Hebräisch geschrieben, welche ich noch nicht mal über deepl.com übersetzen konnte. Also bat ich einen älteren Herrn, welcher in der Nähe saß, um eine Übersetzung. Während er die Mail überflog, starrte er mich entsetzt an: „Do you have Covid? You should be in isolation“.

Das hier war gerade ernst.

Ich malte mir meine aktuellen Möglichkeiten aus und die waren gerade überhaupt nicht rosig: Rückflug (450 EUR), Quarantänehotel (zwei Wochen, wenn ich mich im Flieger auch noch mit Covid angesteckt hätte)? Und die Strafe!!! Oder würde es vielleicht irgendwie anders gehen? Konnte ich mich mit dem Berliner PCR-Test durchmogeln. Aber umso mehr ich die anderen Reisenden beim Check-In beobachtete, umso klarer wurde mir, ohne den israelischen PCR-Test ging hier gar nichts.

Angst

Und das Schlimmste dabei war:

Ich war hundeseelenallein mit mir und der getroffenen Entscheidung und ich konnte niemanden um Hilfe bitten, und niemand war an dieser Situation schuld.

Naja, außer kiwi.com vielleicht, die mir diese absolut unmögliche Flugverbindung angeboten hatten.

Denn erst später erfuhr ich, dass es generell keine Transferflüge über Tel Aviv gäbe und alle, mit denen ich seitdem sprach, wunderten sich über dieses Paradoxon. Ich war der Fehler im System.

Ständig fragte ich mich: tat ich hier gerade das Richtige?

Das schlechte Gewissen, die Hätte-Gedanken meines Gehirns und die Vorwürfe der anderen geisterten durch meinen Kopf, der derweil flehentlich auf das Einchecken in nunmehr 8 h und die Hoffnung, dass dieses dann vielleicht sogar tatsächlich funktionieren würde, wartete. „Warum tue ich mir das alles hier überhaupt an? Zuhause ist es doch auch schön! Und sicher! Und viel preiswerter. Wem wollte ich hier eigentlich etwas beweisen?“

Am Ende

Nach nunmehr fast 48 h Herzrasen, Panik und Schlafmangel wollte ich final aufgeben und schrieb meinem Bruder, mit dem ich eine innige Verbindung habe: „Ich kann nicht mehr, mir geht es hundeelend. Ich werde nie wieder reisen. Ich glaube, Reisen ist dann doch nichts für meine Zukunft.“ Ich war wirklich am Ende und hilflos und mein Bruder tat das einzig Richtige, was ein großer Bruder tun kann, er antwortete: „Dana, fasse dich! Du wirst nicht verloren gehen, du wirst Glück haben!“.

Als hätte das im Universum einen gigantischen Schalter gelöst, kam Bewegung in die Sache. Ich bekam fast im selben Moment eine Nachricht, dass mein PCR-Ergebnis da wäre. Doch dieses Ergebnis konnte ich immer noch nicht öffnen, denn der Login funktionierte nicht. Genauso wie die englischsprachige Hotline des israelischen Health Departments. Doch ein Angestellter des Ministeriums für Gesundheit half mir. Er verwies mich nach einem Anruf beim Ministerium zum Check-in, er kannte mich ja jetzt und den Fall, und falls es Probleme gäbe, sollte ich mich an ihn wenden.

Security-Damen sprachlos machen

Also ging ich zu der Security-Dame die die Buchungen und PCR-Tests vorcheckte. Sie fragte mich nach dem PCR Test, denn ich immer noch nicht hatte. Entsetzen.

Sie fragte mich nach meinem Isolations-Hotel – ich verneinte – ich kann nicht lügen. Ihr Gesicht entgleiste.

Sie blättert durch meinen Pass und sieht den Stempel von Belarus. Sie bekommt Schnappatmung.

Sie geht zu ihrer Chefin und schildert kurz den Fall, die Chefin stockt und macht sowas ähnliches wie ein „durchwinken“-Signal. Man schickt mich endlich zum Schalter.

Während ich nun darauf wartete, meinen Koffer aufzugeben, bekam ich eine weitere Mail in Hebräisch. Die Security-Chefin lief gerade an mir vorbei, also was hatte ich noch zu verlieren, also bat ich sie, mir den Inhalt zu übersetzen: „die Isolation ist aufgehoben, der PCR-Test war negativ“.

Sofort riss ich das grüne Band ab. Endlich!

Ich konnte weiterfliegen!!!

Meine Moral von der Geschichte

Umso größer die Herausforderung, umso größer die Belohnung. Und ich wurde doppelt und dreifach belohnt.

Ganz simpel, dass man, wenn man einmal sowas durchgestanden hat, jedes einzelne Erlebnis danach doppelt und dreifach wertschätzt.

Ich hätte genauso gut auch im mit Ryanair zurück nach Berlin fliegen können, oder im teuren Quarantänehotel sitzen, oder halt beim Mossad. Und obendrein die Strafe zahlen müssen.

 

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Was bringt einem nun das durch die Weltgeschichte reisen?

  • unendlich viele neue Eindrücke

 

  •  du kannst nichts mit auf die andere Seite nehmen, aber die gewonnenen Eindrücke kann dir keiner nehmen, solange du bewusst bist, denn nichts kann einem die Erfahrung beschreiben, kein Buch und kein Film. Nur das real Erlebte.

 

  • Die Erkenntnis, dass die Erlebnisse, die man hat, wenn man sich einmal aus seiner Komfortzone heraus bewegt hat, unvorstellbar gut sind. Und ja, es tut erstmal übel weh, aber dann!

 

  • ich introvertiertes Etwas lerne auf diese Weise ständig neue Menschen mit demselben Mindset kennen, die sich genauso wie ich auf einen Weg begeben haben

 

Egal wie furchtbar die Erfahrung und die Wut auf mich selbst im Tel Aviver Flughafen war, das DANACH ist unfassbar gut.

Die Erkenntnis, dass man wieder einmal mehr etwas geschafft hat, was man schlichtweg nicht für sich selbst für möglich gehalten hatte … unbezahlbar

Und wieder einmal wurde mir bestätigt: das Schlimmste ist das Warten und die Ungewissheit.

Egal wie furchtbar und hart es ist, es geht vorbei, immer, alles.