Lebensmüde - ein Zustand, der mein derzeitiges Leben perfekt umschreibt. Warum bin ich noch hier, wenn der andere doch dort ist?

Lebensmüde

von Dana Heidrich | Feb. 11, 2020

Dein Partner ist gestorben und du fühlst dich unendlich schwer und lustlos. Des Lebens müde. Eine tiefe Lebensmüdigkeit. Und trotzdem wachst du jeden Morgen wieder auf, aber dein Mensch ist nicht mehr da. Dieser Blogbeitrag erklärt, was in dir vorgeht. Von einer, die genau das gefühlt hat.

Lebensmüde: Endlich ein Wort für das, was ich fühle

Eines Morgens im Februar 2020 stolperte ich über einen Instagrampost, welcher mich seit langem in meiner Antriebslosigkeit in der Trauer abholte. Auf einer ganz tiefen Ebene fühlte ich mich endlich verstanden. Das erste Mal wurde mein aktueller Dauerzustand benannt: Ich fühl mich so oft so lebensmüde, des Lebens müde. Eine tiefe Lebensmüdigkeit. Gleich einem Todeswunsch, nachdem ich meine Liebe verloren habe. Obwohl der Schritt zu extrem wäre.

Der Post hatte folgenden Wortlaut:

Not caring if you live or die (but not wanting to die) — Megan Devine

Und das ist genau das, was ich die ganze Zeit fühle, bzw. nicht fühle. Eine tiefe Erleichterung durchdrang mich:

Ich wusste endlich, was mit mir los ist: Ich fühle mich einfach nur noch lebensmüde, lebensmüde im Sinne des Wortes.

Not caring if you live or die (but not wanting to die)

Megan Devine

Achtung: Ich meine nicht suizidal! Ich will mich nicht nach dem Tod meines Mannes umbringen. Denn der Unterschied ist: Suizid setzt einen Willen zu einer finalen Handlung voraus. Diesen habe ich jedoch nicht, ich will mich nicht umbringen oder so. Ich bin einfach nur gerade dieses unerträglich schweren Lebens müde.

Bitte jetzt nicht alle aufschreien und sagen, das darf man nicht denken, das darf man nicht sagen! Dana, brauchst Du Hilfe? Soll ich vorbeikommen?

Bleibt alle wo ihr seid und lest ganz ruhig weiter.

Denn es ist recht gut so, wie es gerade ist. Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Und in diesem Post lese ich nun, dass genau diese Lebensmüdigkeit in der Trauer vollkommen normal ist:

Wenn Schlaf die einzige Flucht ist

Man wacht morgens auf und sagt sich, "Na super, schon wieder ein neuer Tag." Schlafen war jedoch viel schöner. Man rappelt sich auf, tut etwas, was einem Halt gibt und glücklich macht, aber alles was mir gerade Halt gibt und mich glücklich macht, ist scheinbar brotlose Kunst.

Schlaf ist gerade eher meine Fast-Forward-Taste zum Ende von dem ganzen Theater, hin zu einem schöneren Leben. Ich hoffe, damit das derzeit übelste, das Leben, zu skippen. Dorthin, wo es endlich mal wieder schöner ist.

Die Dinge, die einen früher angetrieben haben, sind komplett vaporisiert worden. Man sieht einfach den Sinn nicht mehr darin, sich für eine eventuelle Zukunft anzustrengen. Weil man ja gar nicht weiß, wie diese Zukunft aussehen soll. Noch ist man sich selbst nicht so viel wert, für sich einzustehen.

Also heißt es warten.

Und jeden Tag muss man wieder aufstehen, wieder sich mit den Gegebenheiten arrangieren und wieder kämpfen. Ich bin es so leid. Diesbezüglich fühle ich mich lebensmüde. Des Lebens müde.

Natürlich mache ich immer weiter und trabe stumpf weiter nach vorne und freue mich geradezu hysterisch über jeden albernen Glitzerstein auf meinem derzeitigen Lebensweg.

Ich bemühe mich trotz allem stets positiv zu sein, gebe anderen so viel positives Feedback, wie ich nur kann und schere mich nicht mehr darum, was andere denken, wenn ich wieder einmal albern grinsend die Straße entlang laufe und dabei meine Lieblingskrähen füttere.

Jeder Tag ist ein Kampf, um lebensmüde zu überleben.

Aber am Abend bin ich dann so froh, endlich wieder in mein Bett zu fallen. In dieses große kuschelige, weiche warme Bett, mit all seinen tollen Träumen darin, die mich aus dem Hier und Jetzt wegbeamen.

Dieses Buch hat mir geholfen

Megan Devine hat mich schon so oft mit ihren Posts abgeholt und mich in der Trauer fühlen lassen, dass es absolut ok ist, nicht ok zu sein. Ihr Buch "It's OK That You're Not OK" kann ich dir wärmstens empfehlen. Noch mehr Bücher, die in der Trauer helfen, findest du hier.

Es ist egal, ob ich tot oder lebendig bin

(ich möchte jedoch nicht sterben)

Megan Devine

Das will ich gerade nicht hören

Manchmal treffe ich auf Menschen, die Sachen zu mir sagen wie:

"Du musst dich langsam wieder fangen, denn das Leben geht weiter."

"Dana, du kannst doch nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, du musst doch mal wieder arbeiten gehen."

"Du brauchst einen festen Halt in Deinem Leben!"

"Arbeit wäre genau die richtige Ablenkung für Dich, da kommst Du auf andere Gedanken."

"Hättet ihr Kinder gehabt, dann könntest du dich nicht so hängen lassen."

Ich nicke verständnisvoll und weiß, dass sie möglicherweise Recht haben, denn ich verstehe total, was sie mir sagen wollen. Und ich weiß, sie meinen es gut mit mir. Sie machen sich Gedanken.

Aber das sind genau die Dinge, die man nicht hören will, wenn man lebensmüde ist. Denn das ist mir alles gerade dermaßen egal.

Denn es sind leider genau dieselben Sprüche, die ich gerne früher ungefragt gesagt oder gedacht habe. Deswegen kann ich die nicht wirklich übel nehmen. Aber jetzt sitze ich auf der anderen Seite und glaubt mir, so einfach ist das hier alles nicht.

Wie soll ich denn jemals aus meinem Kopf bekommen, dass Steffen tot ist? Der Mann, mit dem alles gut war, mit dem ich glücklich war? Switch off und weiter geht's? Akzeptieren, vielleicht. Irgendwann möglicherweise. Aber vergessen?

Ablenkung von meinen Gedanken? Warum? Meine Gedanken sind für mich das Größte. Und man verarbeitet dieses furchtbare Ereignis nur, wenn man sich ständig mit sich selbst beschäftigt.

Jeden Montag bekommst du Post von mir. Ehrliche Worte und kleine Schritte, die dir helfen, dein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Newsletter abonnieren

Keine Energie, kein Antrieb, kein Sinn

Ich habe auch gar nicht mehr die Energie, mich in dem normalen Leben der anderen anzustrengen. Tagtäglich sehe ich auf der Straße die Menschen, die morgens ins Büro hasten und spät abends kaputt nach Hause kommen. Ich würde diese Stunden auf Arbeit überhaupt nicht durchhalten. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist derzeit so furchtbar begrenzt, ich kenne mich so nicht.

Die großartigste Sache in meinem Leben ist zur Zeit, einfach auf dem Bett zu liegen und die Decke anzustarren und auf den Schlaf zu warten, denn es ist so schön da. Dort, auf der anderen Seite. Dort, wo alles immer noch so ist, wie es mal war.

Wieso haben die anderen solche Angst vor dem Tod? Seit Steffens Tod habe ich keine Angst mehr vor dem Sterben. Mittlerweile sind auf der anderen Seite mehr mir wichtige Menschen, als hier.

Mit dem Tod wäre das Theater hier endlich zu Ende. Welch herrliche Stille.

Der Rotwein und der Selbstzerstörungsmodus

Also betäubt man sich mit einem schönen Rotwein, fühlt sich endlich wieder ein bisschen fast so normal wie früher, man lacht kurz wieder so laut wie früher und trifft sich mit Freunden. Die Lebensmüdigkeit ist plötzlich wie weggeblasen.

Aber der nächste Tag wird furchtbar mit furchtbaren Kopfschmerzen und dem Entschluss, nie wieder Alkohol zu trinken. Augenringe des Todes pockern am nächsten Morgen unter glasigen Augen. "Du bist keine 20 mehr, Frollein" mahnt eine distinguierte Stimme in meinem Kopf.

Aber diese großartigen Abende mit Freunden schreien leider danach, in ihrer Glückseligkeit durch Alkohol potenziert zu werden. Meine Seele giert nach Glück, Lachen und Liebe. Die Seele muss heilen. Deswegen wird die Glücks-Dosis künstlich mit Alkohol erhöht. Und so switcht man wieder direkt in den Selbstzerstörungsmodus.

Glück, Lachen und Liebe führt zu unkontrolliertem Konsum von Dingen, führt zu Selbstzerstörung.

Das ist der Grund, warum ich mich zurückziehe. Selbstschutz. Das vernünftige "Ich" will mich aus diesem Trudelkurs ziehen.

Also denke ich mir: Alle anderen sind scheinbar erfolgreich, busy und haben was in ihrem Leben erreicht. Sie strengen sich den ganzen Tag an, von früh bis spät. Das zu beobachten, bereitet mir Phantomschmerzen.

Ich werde niemals so ein Leben wie die anderen führen. Ich fühle mich, als stünde ich auf einer Plattform einer Bahnstation, welche der letzte Zug bereits vor 15 Jahren verlassen hat.

Und jegliche Erinnerungen an das alte Leben mit all seinem irrsinnigen Stress polken schwarze grindige Löcher in meine Magengegend und einen tiefen Widerwillen, genau dasselbe wie vor Steffens Tod wieder weiterzumachen. Das macht mich so lebensmüde. So satt. Ich habe das normale Leben so satt.

Was hilft, wenn man sich in der Trauer lebensmüde fühlt

Anmerkung: Diesen Passus habe ich fünf Jahre nach Veröffentlichung dieses Beitrages eingefügt.

Meine Liebe, die Lebensmüdigkeit geht vorbei. Ist es doch kein Wunder, dass du dich erschöpft und lebensmüde fühlst. Dein wichtigster Mensch ist gerade gestorben und dein ganzes Leben wurde vor deinen Augen vaporisiert. Das muss die Seele und der Geist erstmal begreifen.

Such dir psychotherapeutische Hilfe, eine Trauerbegleitung oder eine Trauercommunity, die dir in deinem Schmerz Verständnis entgegenbringt.

Nimm dir die Auszeit, die du gerade so sehr brauchst. Du brauchst Ruhe, Kind! Sei gut zu dir, gönn dir was Gutes. Sage Sätze zu dir, die du deiner trauernden Freundin sagen würdest. Was du gerade erlebt hast, ist die Hölle. Du musst nicht funktionieren. Überlebe bitte erstmal.

Wenn du gerade nicht weißt, wie: In meinem Beitrag Was tun, wenn man den Tod eines geliebten Menschen nicht verkraftet findest du konkrete Tipps, die mir damals geholfen haben.

Wenn du darüber nachdenkst, dir das Leben zu nehmen, ruf bitte die Telefonseelsorge an: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Die sind rund um die Uhr da.

Etwas Neues muss her

Aber etwas Neues muss her. Aber was? Was nur?

Das Alte ist vorbei und ich will nicht mehr dahin zurück. Ich will das nicht weiter machen. Das alte Leben ist so sehr mit meinem Steffen verbunden, dass sich eine Weiterführung dessen einfach nur falsch anfühlt und weh tut. Ich habe es probiert, wirklich. Es geht nicht. Alles in mir widerstrebt dem.

Das Neue muss sich formen, entstehen und geboren werden und die derzeitige Ungewissheit darüber, wie es weitergehen wird, macht mich fuchsig. Denn das Neue ist noch nicht wirklich da.

Dieser Zustand gerade ist toll und furchtbar zugleich.

Es ist schwer, einfach loszulassen und es auf sich zukommen zu lassen. Obwohl ich eigentlich weiß, dass es wie immer funktionieren wird.

Ich liebe es, zu schreiben. Das bereitet mir so große Freude. Diesen Blog zu schreiben und meine Bücher zu schreiben. Zuhause in meiner kleinen Welt zu sitzen und alles still zu beobachten. Tiefe große Freude.

Es wäre so schön, wenn das Schreiben meine Zukunft werden könnte.

Anmerkung aus der Zukunft, fünf Jahre später

In der Tat hat das Schreiben in diesem Blog zu meiner Zukunft geführt. Ich habe viele Bücher veröffentlicht und ich helfe nun Frauen, die an genau derselben Stelle im Leben stehen, wie ich damals.

Gib bitte nicht auf. Diese Phase geht vorbei. So, wie du das fühlst, das ist ganz normal.

Wenn du magst, helfe ich dir. Abonniere meinen kostenlosen Champagner-Newsletter, er hilft dir schon am nächsten Montag. Oder schau dir meine Community Leben 2.0 an, wo Frauen sind, die genau wissen, wie sich das anfühlt. Und wenn du eine Auszeit brauchst: Es gibt meine Trauer-Retreats auf Zypern.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet lebensmüde in der Trauer?

Lebensmüde in der Trauer bedeutet, dass du des Lebens müde bist, nicht dass du suizidal bist. Der Unterschied: Du willst nicht aktiv sterben, aber es ist dir auch egal, ob du morgen aufwachst. Dieser Zustand ist nach dem Tod eines geliebten Menschen sehr verbreitet und normal. Er geht vorbei.

Ist es normal, nach dem Tod des Partners nicht mehr leben zu wollen?

Ja. Viele Trauernde kennen das Gefühl, dass das Leben ohne den Partner keinen Sinn mehr hat. Das ist keine psychische Störung, sondern eine natürliche Reaktion auf einen unvorstellbaren Verlust. Wenn dieses Gefühl allerdings über Monate anhält und du deinen Alltag nicht mehr bewältigen kannst, hol dir professionelle Hilfe.

Was hilft gegen Lebensmüdigkeit in der Trauer?

Psychotherapeutische Hilfe, Trauerbegleitung, der Austausch mit anderen Betroffenen und vor allem: Geduld mit dir selbst. Du brauchst jetzt Ruhe und Selbstfürsorge. Du musst nicht funktionieren. Überleben reicht erstmal.

Wann sollte ich mir professionelle Hilfe suchen?

Wenn die Lebensmüdigkeit über Monate anhält, wenn du gar nicht mehr aus dem Bett kommst, wenn du dich komplett von der Außenwelt zurückziehst oder wenn du konkrete Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen. Bei akuter Not: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, bei Suizidgedanken: Feuerwehr 112.

Wie lange dauert diese Phase der Lebensmüdigkeit?

Bei vielen Trauernden dauert die intensivste Phase einige Monate bis etwa ein Jahr. Aber es gibt keine Regel. Der Schmerz verändert sich mit der Zeit. Er wird nicht unbedingt weniger, aber anders. Und irgendwann gibt es wieder Momente, die sich gut anfühlen.

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