
Posttraumatisches Wachstum: Wie ich in einer Reha und durch Star Trek verstanden habe, was mir passiert ist
Oktober 2020. Anderthalb Jahre nach Steffens Tod. Ich saß in einer Reha irgendwo in Deutschland, weil mein Körper und mein Kopf nach anderthalb Jahren Krankschreibung kollektiv die Kündigung eingereicht hatten.
Die Klinik selbst? Ein lebendig gewordener Querschnitt der deutschen Gesellschaft. Rudis Biomassen-Resterampe auf Rezept. Ein tägliches Schaulaufen aus der Hölle, das mich im Minutentakt daran erinnerte, warum ich im Epizentrum der Irren – sprich: innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings – wohne und nicht auf dem Land. Wer die ganze ungeschminkte Wahrheit über diese soziologische Milieustudie und mein persönliches Halloween-Sanatoriums-Trauma lesen will,
Mein Alltag dort war streng getaktet. Tagsüber: Psychotherapie. Gespräche. Sortieren. Ich habe mir das rausgesucht, was mir half, und die ganzen restlichen Menschen, die mich umgaben ignoriert. Natürlich bis auf meine Tischkumpaninnen. Denn ich war schließlich nicht in der Reha, um dazuzugehören. Das hat schon die 40 Jahre zuvor nicht funktioniert.
Und abends, nach einem weiteren geschafften Tag, begab ich mich auf die Flucht. Anstelle mich mit den restlichen Bewohnern am Raucherplatz zu fraternisieren, vrschwand ich: Ich begab mich auf die Realitätsflucht in unendliche Weiten. Star Trek: Discovery. Staffel 3, Folge 4 – „Vergiss mich nicht“. Auf dem Bildschirm herrscht der absolute emotionale Ausnahmezustand. Die Crew hat gerade einen traumatischen 930-Jahre-Sprung in die Zukunft hinter sich und steht kollektiv kurz vorm Nervenzusammenbruch. Paul Stamets, der Head of Sporenantrieb befand sich in tiefer Krise, während alle irgendwie versuchten, die Steuerung ihres Lebens zu behalten.
Und mitten in diesem Chaos sitzt der Schiffsarzt Dr. Hugh Culber mit Michael Burnham zusammen und seziert die Lage. Er erklärt ihr ein psychologisches Konzept und betont, dass dieses Trauma sie nicht zerbrechen lassen muss. Er spricht von einer Chance zur Weiterentwicklung, bei der Menschen nach Krisen eine tiefere Resilienz entfalten.
Er nennt es posttraumatisches Wachstum.
Ich saß da in meinem Reha-Zimmer, die Fernbedienung fest im Anschlag, drückte panisch die Pausetaste und starrte den Bildschirm an. Was zur Hölle ist das? Andererseits, drei Sekunden später, die Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube: Oh mein Gott. Das ist es. Das ist genau das, was mir passiert ist.
Ich kreische hysterisch auf. Endlich mal etwas anderes als ständiges Trauergejammer und "das wird nie wieder besser". Trauer soll zu was gut sein? Ja!!!! Thats my vibe.
Ein Wort, das plötzlich mein ganzes Chaos erklärt hat
In den anderthalb Jahren nach Steffens Tod hatte ich Dinge getan, die die alte Dana niemals gewagt hätte. Ich hatte aufgehört, die brave, introvertierte Küchenassel zu spielen, die Angst vor Menschen hat und jedem Konflikt winselnd aus dem Weg geht. (ja ok, hier in der Reha zog ich mich schon zurück, aber ich wollte hier keine Freunde finden sondern heile werden). Mit dieser klaren Selektion war diese Version von mir längst weg.
Stattdessen hatte ich angefangen, mich radikal abzugrenzen. Ich traf Entscheidungen, die komplett konträr zu allem waren, was man von mir erwartete – und die sich trotzdem richtiger anfühlten als alles andere zuvor. Ich dachte zuerst an mich. Ich sagte eiskalt „Nein“, wo früher ein automatisches, devotes „Ja“ aus mir herausgeschossen wäre, noch bevor das Gegenüber den Satz überhaupt beendet hatte.
Aber ich hatte kein Wort dafür. Kein psychologisches Konzept, keine Schublade. Keine Erklärung – weder für mich selbst noch für die fassungslos zuschauende Verwandtschaft.
Und dann sitze ich in dieser Reha, der Fernseher auf Pause, und die Föderation liefert mir die Diagnose: Posttraumatisches Wachstum.
Wachstum, das nicht trotz des Schmerzes entsteht. Sondern durch ihn. Wegen ihm. Mit ihm. Es war die späte Rache an der Ohnmacht.
Was danach in der Reha passierte
In der Klinik gab es natürlich auch Gruppentherapie. Geleitet von einer Trauerbegleiterin, die ihren Job gut machte – sachlich, strukturiert, professionell. Wie im Lehrbuch sozusagen.
Das krasse Gegenteil zu den Patienten, die sich auf der Raucherinsel die Lunge aus dem Leib husteten oder auf dem Parkplatz beim abendlichen Cornern den Billig-Fusel in sich reinschütteten, um das System zu sabotieren.
Nach einer dieser Sitzungen passierte etwas Seltsames. Die Frauen aus der Gruppe kamen nicht etwa zur studierten Therapeutin. Sie kamen zu mir.
„Das ist ja alles ganz schön und gut, was die Therapeutin da erzählt“, sagten sie, „aber das, was du sagst, Dana – das hilft uns wirklich. Du hast es da durchgeschafft. Bitte sag uns, wie.“
Ich war keine Therapeutin. Ich hatte keine Ausbildung, kein weichgespültes Konzept, kein zertifiziertes Programm. Ich hatte nur meine Geschichte. Steffens Tod. Und anderthalb Jahre, in denen ich ohne verdammten Fahrplan im tiefsten Dickicht herausgefunden hatte, wie das Leben nach dem Ende des genormten Lebens aussieht.
Aber das reichte. Das reichte diesen Frauen mehr als der gesamte klinische Fango-Heilungskomplex.
In diesem Moment, zwischen getakteter Kantinenzeit und fremdem Leid, dachte ich zum ersten Mal: Vielleicht ist das, was ich durchgemacht habe, nicht nur mein privates Unglück. Vielleicht ist es ein neuer Lebensweg für mich?
Und vielleicht ist es meine Aufgabe, diesen Weg aus der Hölle zu kartografieren und mit anderen zu teilen?
Was posttraumatisches Wachstum wirklich bedeutet und was nicht
Machen wir uns nichts vor: Posttraumatisches Wachstum bedeutet nicht, dass du plötzlich wie ein glücklicher Buddha durch die Welt schwebst und der Schmerz weggezaubert ist. Nix mit: "Juchhu, mein Mann ist tot!"
Es bedeutet nicht, dass du irgendwann aufhörst zu trauern. Es bedeutet verdammt noch mal nicht, dass Steffen mir weniger fehlt. Nein er fehlt mir selbst heute noch mit seiner wundervollen, witzigen Art.
Es bedeutet schlichtweg, dass du durch den Schmerz hindurch größer wirst. Nicht stärker im Sinne von kalt, unnahbar und unverwundbar. Sondern größer im Sinne deines emotionalen Fassungsvermögens: Du kannst plötzlich mehr Gegensätze gleichzeitig halten. Den brutalen Schmerz und die pure Freude. Die lähmende Trauer und das laute, dreckige Lachen. Das tiefe Vermissen und das mutige Weitergehen.
Für mich hieß das ganz konkret: Nach der Reha wartete das echte Leben. Anderthalb Jahre Krankschreibung waren vorbei – ich brauchte einen Plan. Und Geld. Fest stand: Kein Catering mehr. Kein seelenloser Nine-to-Five-Job. Ich passe nicht mehr in die Schablonen der „Normalen“. Aber was dann?
Die Antwort lag bei den Frauen, die in der Reha nach der Gruppentherapie zu mir kamen. In dem Moment, als ich begriff: Mein Verlust ist auch mein Wissen. Ich weiß, wie man weitermacht, wenn die Welt in Schutt und Asche liegt.
Daraus wurde der Danachblog. Daraus wurde die Community. Daraus wurde mein Leben 2.0.
Alles wegen einer nerdigen Sci-Fi-Serie. Steffen hätte das extrem komisch gefunden. Und dann hätte er gegrinst und gesagt: „War ja klar: Star Trek. Was auch sonst, Dana.“
Was das mit dir zu tun hat
Die gute Nachricht ist: Du brauchst dieses Raumschiff Reha dafür nicht unbedingt. Du musst dir die Biomassen-Milieustudie nicht antun.
Verstehe mich nicht falsch, die Reha war super und ich empfehle sie jedem, dem sowas passiert ist. Beste Zeit: Dach über dem Kopf und dreimal am Tag Futter hingestellt bekommen und Menschen die sich um dich kümmern. Wo hast du sowas noch? Sag ja! Aber,
Du brauchst im Grunde nicht mal eine Star Trek-Serie – obwohl ein bisschen Captain-Energie deiner Psyche definitiv nicht schaden würde. 😄
Was du aber verdammt noch mal brauchst, ist der Mut, genau hinzuschauen. Nicht nur auf die Trauer, die starrt dich sowieso schon die ganze Zeit ungefragt an. Sondern auf das, was daneben in dir wächst. Schau dir an, was du in den letzten Monaten anders entschieden hast. Wo hast du dich radikal abgegrenzt? Wo hast du ein „Nein“ platziert, wo du früher wie ein dressiertes Hündchen „Ja“ gesagt hättest? Wo hast du dich gezeigt, obwohl du dich am liebsten im dunkelsten Loch versteckt hättest?
Das ist posttraumatisches Wachstum. Kein theoretisches Blabla aus dem Lehrbuch. Sondern das, was in deiner Seele bereits passiert – scheißegal, ob du es gerade bemerkst oder nicht.
Gönn dir den Abstand, setz dich hin und schreib auf: Was habe ich seit seinem Tod anders entschieden? Nicht besser oder schlechter. Einfach anders.
Du wirst überrascht sein, was auf diesem Zettel steht. Du bist nämlich längst nicht mehr die Alte. Und das ist verdammt gut so.
Du bist schon mitten im Wachstum. Du weißt es nur noch nicht.
In der Leben 2.0 Community begleite ich Frauen, die genau dort stehen, wo ich 2020 stand. Nicht mit Konzepten. Mit echter Erfahrung. Komm vorbei.
Ich will dabei sein →Lies dich weiter ins Leben 2.0











































































































































