Wie mich ein Besuch auf Schloss Eckberg in Dresden an die Spitze meiner Wünsche und in die Vergangenheit katapultierte.

Schloss Eckberg

von Dana Heidrich | Juli 1, 2026

oder Warum sich ein erfüllter Traum nach gar nichts anfühlen kann.

Dieses Jahr will ich es wirklich wissen. Ich fliege relativ oft nach Deutschland, zurück an die Plätze, die mit Steffen verbunden sind, mit Freude und großem Schmerz. Oder noch weiter die Timeline zurück: an Plätze, die mich mit zwanzig nachhaltig geprägt haben. Dieses Mal also nach Dresden.

Vom Dorf, wo die Dickschädel so hart sind wie der Granit

Du musst wissen, ich komme aus dem hinterletzten Ostsachsen. Vom Dorf. Schöne Landschaft, gutes Essen, Menschen, deren Dickschädel so hart sind wie das Granit, welches unter allen Bergen liegt.

Ich wollte schon immer weg. Weit weit weg. Die Enge der Kleinstadt drohte mein Hirn zu grillen.

Über kleinere Umwege kam ich nach Dresden. Es fing mit einem Besuch meines Bruders an, der in Dresden-Pieschen lebte. Ich erinnere mich, wie wir bei dem Typen aus dem Auto purzelten, mit dem wir mitgetrampt waren. Das war 1995 noch voll ok zu tun.

Abends gingen wir in die Dresdner Neustadt Döner essen, es hatte gerade geregnet. Sommerregen. Ein Jahr später würde im Radio "A-N-N-A" laufen. Die Luft war erfüllt vom Duft nach Petrichor. Die Sonne glitzerte gleißend hell in den Pfützen. Ich dachte mir: Ich habe es geschafft, ich bin erwachsen und endlich in der Stadt angekommen.

Die warme Platte und Putins Treppenhaus

Wenige Monate später bin ich dann wirklich nach Dresden gezogen. Mit meinem anderen Bruder zusammen hatten wir eine WG in der Radeberger Straße 111. Eine typische Ostplatte, wo, oh Wunder, nur einen Hauseingang weiter und zehn Jahre eher Putin gewohnt haben sollte. Ob er auch genauso wie wir bezüglich der Treppenhausreinigung getriezt wurde, man weiß es nicht. Aber ich denke, der Trick mit den Papierschnipseln unter dem Fußabtreter war damals keine Innovation, sondern über Generationen im Schmerz gelernt, wie so einiges in unserem Alter, und bewährt.

Ich feierte es so sehr, dass diese Wohnung ständig warm war, besonders im Winter. Komme ich doch aus der ewigen Kälte, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich: Bettlaken, die in kalten Winternächten mit Reif überzogen waren, ständig eingefrorene Autos, die nie starteten, und einmal sogar ein komplett eingefrorenes Haus, wo ich zum Haarewaschen Schnee auftauen und im Teekocher erhitzen musste. Gelobpreist sei die Platte.

Die Schlösser, die über allem dräuten

Du siehst schon, bei dem Quantensprung war es unausweichlich, dass der neue Luxus aus einem ausgedehnten Frühstück und danach einem langen Spaziergang an der Elbe entlang bestand. Einmal links zum Blauen Wunder und dann auf der anderen Seite zurück über die Albertbrücke.

Und bei jedem Spaziergang war ich fasziniert von der Schönheit der Elbschlösser, die über allem dräuten. Drei sind es: Schloss Albrechtsberg, wo zu DDR-Zeiten der Pionierpalast drin war, das Lingnerschloss und Schloss Eckberg, dieser neugotische Trotzkopf auf seinem Felsvorsprung. Alle drei thronen seit Mitte des 19. Jahrhunderts über dem rechten Elbhang, gebaut von Fabrikanten, Kaufleuten und einem preußischen Prinzen, die hier oben ihr Geld in Stein gießen ließen.

Und damals habe ich gesagt: Wenn ich dort jemals übernachten und essen würde, habe ich es geschafft.

Jetzt war es soweit.

Man muss sich Träume erfüllen

Nach Steffens Tod hatte ich mir geschworen, nichts mehr auf die lange Bank zu schieben. Hatte ich doch gesehen, wie kurz das Leben sein konnte.

Also buchte ich mir endlich eine Nacht im Schloss Eckberg.

Man muss sich Träume erfüllen, damit Platz für die nächstgrößeren geschaffen wird.

Natürlich habe ich mir ein Taxi vom Bahnhof aus gerufen, wollte ich nicht wie ein Backpacker mit dem Rollkoffer die lange Auffahrt hochgerollt kommen. Nein nein, sowas muss man mit Stil machen.

Ehrfurchtsvoll betrat ich die heiligen Hallen. Wie schön das alles war. Schloss Eckberg, zwischen 1859 und 1861 im Tudorstil errichtet (ja, in zwei Jahren!), war genau mein Ding. Ähnlich unserem Hochzeitsschloss in der Uckermark.

Beim Checkin gab es den typischen Fuzz, den es neuerdings in Hotels in Deutschland immer gibt, irgendein Bürokratiequark ist immer: Adressen, Kreditkartendaten oder Rechnungen, die nur am Tag danach ausgestellt werden können, so auch hier. Egal. Deutschland ist einfach mühsam geworden. Das merkt man leider erst so richtig, wenn man sich die meiste Zeit im Ausland aufhält. Ich schweife ab.

Schöne große Zimmer mit Klimaanlage, wir hatten diese paar Tage mit 38 Grad erwischt, ein traumhafter Blick über die Elbe. Genau so hatte ich mir das immer vorgestellt.

Vom Apothekendachboden ins Schloss

Was ich beim Einchecken noch nicht wusste: In diesen Mauern hat schon mal eine Witwe gelebt. Bevor ich zu ihr komme, musst du wissen, wie ihr Mann überhaupt zu diesem Schloss kam. Die Erfindungsgeschichte dahinter ist nämlich mindestens so gut wie der Ausblick.

Ottomar Heinsius von Mayenburg war Apotheker. Ein ganz normaler, mit der Löwenapotheke am Dresdner Altmarkt. 1907 stand dieser Mann auf dem Dachboden eben jener Apotheke und panschte sich was zusammen: Zahnpulver, Mundwasser, ein paar ätherische Öle. Das Gemisch füllte er in eine Aluminiumtube, und damit hatte er die erste Zahnpasta der Welt erfunden, die aus der Tube kommt. Vorher kratzte man sich das Zeug aus Döschen und Pulverschachteln zusammen. Chlorodont taufte er seine Erfindung.

Die Konkurrenz hieß Kalodont und Pebeco und war längst auf dem Markt. Aber Ottomar konnte Marketing, besser als alle anderen, und überflügelte sie der Reihe nach. Er gründete die Leo-Werke, und aus dem Dachboden-Gepansche wurde ein Imperium mit über tausend Angestellten. So eines, mit dem man sich gleich vier Schlösser leistet.

Das schönste davon war das Eckberg. Sein Lebenstraum. Als studierter Botaniker legte er den Park an wie ein Verliebter: Steingärten, Krokuswiesen, eine ganze Rosenwand. Jedes Frühjahr öffnete er das Blütenmeer für die ganze Stadt, Zehntausende kamen. Ein Mann, der Rosen pflanzte und, wie das Schicksal so spielt, eine Rose geheiratet hatte.

1932 starb er.

Die Witwe, die blieb

Und Rose? Rose blieb. Mit ihren vier Kindern wohnte sie weiter in dem Schloss, das der Traum ihres Mannes gewesen war. Nicht ein Jahr, nicht zwei. Fünfzehn Jahre lang, bis 1947. Sie lebte weiter in seinem Garten, zwischen seinen Rosen, unter dem Dach seines erfüllten Traums.

Heute kennt kaum noch jemand Chlorodont. Das Imperium ist längst verdampft, das Schloss gehört Fremden, die hier übernachten. So wie ich. Geblieben sind die Rosen im Park und die Frau, die fünfzehn Jahre lang nicht weggegangen ist. Nicht die Zahnpasta, nicht die Million. Die Rosen und die Liebe.

Ich stand auf der Terrasse, blickte über dieselbe Elbe, die auch sie gesehen hat, und dachte: Genau das machen wir doch. Wir bleiben. Wir leben weiter in dem, was wir gemeinsam gebaut haben, auch wenn der andere gegangen ist. Der Traum hört ja nicht auf, nur weil einer fehlt.

Und dann fühlte ich: nichts

Ein kurzes Treffen mit den Dresdner Witwenmädels aus der Community auf der Terrasse, danach ein sehr gutes Abendessen mit fantastischem Service.

Doch ich fühlte: nichts.

Kein Excitement, kein Überschwang, kein "Ich habe es geschafft". Stattdessen passierte genau das, was Reinhold Messner gesagt hat: Wenn du auf den Himalaya gestiegen bist, willst du danach auch nur wieder runter, aufs Klo und was essen. So ist das mit Zielen.

Die wirkliche Magie entsteht nämlich immer im Unverhofften, in den magischen, spontanen Momenten. Das Schloss am Wegesrand. Die besondere Gaststätte. Der Ausblick, den man findet, wenn man eine Stelle zum Pinkeln sucht. Na, du weißt schon.

Was das mit der Trauer zu tun hat

Und jetzt kommt's. Wir warten doch alle darauf, dass das Leben wieder besser wird, sobald die Trauer endlich verschwunden ist. Aber so ist es eben nicht. Selbst wenn die Trauer irgendwann leiser wird, erlebst du genau in ihr die berauschendsten, wundervollsten, herzöffnendsten Momente. Weil du da nichts erwartest. Und Erwartung führt immer zu Enttäuschung.

Rose hat ihren Traum nicht im Schloss gefunden, sondern in den fünfzehn Jahren, die sie da noch gelebt hat. Ich meinen nicht in der gebuchten Nacht, sondern auf einem Spaziergang an der Elbe, mit zwanzig, im Sommerregen, als ich noch gar nichts geschafft hatte.

Also bleib neugierig und herzoffen und umarme deine Trauer. Sie hat auch ihre guten Seiten. Versprochen.